Visionärin der „Neuen Stadt“

In den 50er- und 60er-Jahren widmete sich Herta Hammerbacher als Professorin und Landschaftsarchitektin zunehmend dem Städtebau. Sie entwickelte Visionen für eine ideale, durch Grün gegliederte Stadt.




Garten+Landschaft. 03.2003
Jeong-Hi Go

Die bisherigen fachlichen Auseinandersetzungen mit Herta Hammerbacher beinhalten im wesentlichen zwei Aspekte: ihren Beitrag zum „neuen landschaftlichen beziehungsweise organischen“ Gartenstil und ihre Lehre von der der „Synthese zwischen Landschaftsgestaltung und Architektur“. Hier soll näher auf einen bisher vernachlässigten Aspekt ihres Lebenswerkes eingegangen werden: Hammerbacher als Protagonistin der integrierten Stadt- und Landschaftsplanung der Nachkriegszeit.
In den 50er- und 60er-Jahren erreichte Hammerbacher den Höhepunkt ihres Schaffens. Nach zwanzigjähriger, erfolgreicher Tätigkeit als Garten- und Landschaftsarchitektin, erschloss sie sich, wie sie 1962 in einem Brief an ihren Bruder formulierte, „vollständig neue Gebiete“ des Städtebaus.
Sie operierte auf drei Ebenen: Die ProfessorinHammerbacher entwickelte Planungsphilosophien und -methoden, die sie ihren Studenten vermittelte und dokumentierte. Die praktizierende Garten- und Landschaftsarchitektinkämpfte in zahlreichen städtebaulichen Projekten um die Realisierung ihrer Ideen. Als Antwort auf die Beschädigung städtischer Strukturen – erstmalig 1946 nach den kriegsbedingten Zerstörungen aber auch 1966 angesichts der zweiten Zerstörung der Städte, wie manche Kritiker den Wiederaufbau bezeichneten – entwarf die Visionärin Hammerbacher idealtypische „Experimentierstädte“1.

Im Institut Scharoun

Hammerbachers Lehrgebiet, die „Landschafts- und Gartengestaltung“ wurde 1946 an der Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin eingerichtet. Ihre Lehrtätigkeit erweiterte sich auf den Städtebau, als Scharoun, Leiter des Instituts für Städtebau, fakultätsintern als „Institut Scharoun“ bezeichnet, sie aufforderte, Vorträge über Grünflächenpolitik zu halten. In diesen Vortragsreihen zwischen 1946 und 1948 sprach sie über die Identitätsfindung der „neuen“ Planung. Es bedurfte viel gedanklichen Manövrierens, um einerseits an die technisch-methodische Entwicklung der Landespflege im Nationalsozialismus inhaltlich anzuknüpfen, andererseits dem neuen Denkmuster der Demokratie zu entsprechen. Zu dieser Zeit entstand ihr erster Entwurf einer „Neuen Stadt“, den sie ihren Studenten nicht zeichnerisch, sondern verbal auseinandersetzte.

Vision der Neuen Stadt

Hammerbacher begrüßte die wieder aufgegriffene Idee der „Auflockerung der Stadt“ und vermutete eine Annährung von Städtebauern und Landschaftsgestaltern. Voller Zuversicht forderte sie die Studenten auf, bei der Gestaltung einer Stadt mitzuhelfen, „die ein echter Organismus ist, die den biologischen und den wirtschaftlichen Bedingungen zugleich entspricht und ein Leben, dem natürlichen Kreislauf gemäß, in sich einschließt“ (Vorlesungsmanuskript 1945/46). Sie forcierte ein durch Grün geordnetes und gegliedertes Stadtbild, ersetzte den herkömmlichen Stadtkern durch einen „großen grünen Mittelraum“. Von dieser „Mittelgrünzone“ gehen die „Verbindungsgrünzonen“, das heißt die baumgesäumten Straßen zur freien Landschaft aus. Sie wird wiederum, vorzugsweise „aus Gründen des Windschutzes“ und der „Kleinklimabildung“ von einem Waldmantel gefasst. In diese Grünstruktur werden dann Gebäude und Siedlungen eingebettet: Gebäude von zentraler Bedeutung „als Angelpunkt in den Stadtkernen“, soziale Bauten „als Gegenpole und Übergangsbildner zum Grün am Außenrande der Stadt oder an den Ansatzpunkten der Grünzone“. Der Wohnungsbau sollte in vier Kategorien am Rande oder in der Grünzone errichtet werden: Wohnzeilen mit 200 Quadratmeter großen Kleingärten, Wohnsiedlung mit 400 bis 600 Quadratmeter großen Gärten, „Gärtnersiedlung“ und „Gärtnerhöfe“ als Übergangsform des Siedelns von Stadt zu Land mit vier Morgen Bewirtschaftungsfläche. Sämtliche Gärten und Gärtnerhöfe decken durch Produktionsleistung die Vollversorgung der Stadt (Vorlesungsmanuskript 1946). Als Vorbild dienten alte Siedlungsformen mit grünen Wällen und einem Anger in der Mitte (Mittelgrünzone).
Um dem Vorwurf des Traditionalismus vorzubeugen, führte sie aus, „nur dann sind wir Träger einer wahren Kultur, wenn wir den Zusammenhang mit dem Anfängen unseres Wachsens nicht verlieren. (…) Die Tradition nicht leugnen, ohne sie zum Dogma zu machen.“
Die Planungsideen und -theorien setzte Hammerbacher 1954 als Mitglied des Fachnormausschusses Bauwesen in den Richtlinien für Grünflächenplanung um. Der Entwurf der Richtlinien stammte vom damaligen Kassler Stadtbaurat Bangert, Hammerbacher brachte jedoch umfassende Ergänzungen ein, unter anderem die Grundgedanken und Begriffsbestimmungen zu Stadtlandschaft-Grünflächen sowie Planungsziele, -grundlagen und -bearbeitungsmethodik, die im Entwurf Bangerts gänzlich fehlten.2 Hammerbacher empfahl, dass die Zusammenarbeit der Stadt- und Landschaftsplanung bereits in der Anfangsphase erfolgen sollte. Als Planungsziel formulierte sie „die grünflächendurchzogene, auf der Landschaftsform aufgebaute Stadt.“

Kritik an der aufgelockerten Stadt

Ideell war Hammerbacher im Institut mit Hans Scharoun und Gerhard Jobst, Ordinarius für Städtebau und Siedlungswesen verbunden. Die „Kollega“ und Kollegen des Instituts Scharoun beeinflussten 1953 das größte städtebauliche Bauprojekt Berlins, das Hansaviertel in Richtung der Nachkriegsmoderne. Scharoun und Hammerbacher waren zu Jurymitliedern des städtebaulichen Wettbewerbs berufen. Scharoun zog sich allerdings zurück, da sein Assistent einen Wettbewerbsbeitrag eingereicht hatte. Die Arbeit von Gerhard Jobst und Willy Kreuer, die mit sämtlichen städtebaulichen Ordnungsprinzipien brach3, erhielt den ersten Preis.
1957, noch während die internationale Bauausstellung am Hansaviertel gefeiert wurde, ermahnte Hammerbacher, tief enttäuscht von der Ausführung, die „modernen Städteplaner“, die sich dem „funktionellen Bauen“ oder der „organischen Stadtbaukunst“ verschrieben hätten, ohne den funktionellen Zusammenhang der Landschaft wirklich zu verstehen.4 Ihren Unmut richtete sie gegen ein missverstandenes „landschaftsverbundenes Bauen“. Sie forderte, die landschaftliche Analyse und eine landschaftliche Gesamtplanung den städtebaulichen Ermittlungen voranzustellen, und empfahl den Städteplanern „das Studium der Landschaft“.
Hammerbacher begann Fehlentwicklungen der „allzu stark aufgelockerten Stadt“ zu kritisieren. Sie erkannte, dass die praktizierte Zeilenbauweise oftmals die Zerschneidung der Landschaft zur Folge hatte. Eine wesentliche Zielstellung der „aufgelockerten durchgrünten Stadt“, die Bildung zusammenhängender Großgrünflächen, sah sie konterkariert. Sie forderte, in den Richtlinien des sozialen Wohnungsbaus die Mitarbeit von Gartenarchitekten vorzuschreiben, wobei sie gleichzeitig bedauernd feststellte, dass gelegentlich auch Gartenarchitekten zu „schematischen“ Planungen neigten (Erläuterungsbericht für den Wettbewerb Neu-Altona).
Hammerbacher war bemüht, in ihren eigenen Entwürfen und Ausführungsarbeiten zu 15 großen Siedlungsgebieten von 1953 bis 19675 Zugeständnisse der Bauherren und Architekten zu erzielen. Einige Beispiele sind Drewer-Süd in Marl, Hansa-Süd und -Nord, Nonnendammallee, Otto-Suhr-Siedlung in Berlin und Neu-Altona in Hamburg.
Dennoch beobachtete sie, dass sich „die vielfach wenig genutzten Grünflächen als der Bevölkerung gar nicht dienlich darstellen“6. Sie dachte daher über eine höhere Verdichtung zugunsten „funktionierender Großgrünflächen“ nach. Durch die Erhöhung der Bebauungsdichte in Verbindung mit Mischnutzungen sollte eine „Reurbanisierung“ der Städte erreicht werden7.
1963 erweiterte Hammerbacher ihre Planungstheorien, um Lösungsansätze „für heutiges Planen“ aufzuzeigen.8 Sie stützte sich auf „die zwei Richtungen in der Philosophie – die Phänomenologie und die Existenzphilosophie“. Die Phänomenologie, „die Suche nach einer Tatsachenerkenntnis“, so Hammerbacher, eignet sich als „geistig-technisches Instrument zur Bewältigung unserer Aufgaben.“
Aus der Existenzphilosophie, angesiedelt „in geistig-seelische(n) Bezirke(n) mit dem Anspruch alles Seienden“ sollte das Ziel der Planung, „echte Lebensmöglichkeiten für die differenzierte Individualität des heutigen Menschen“ zu schaffen, abgeleitet werden.“ Es sei falsch, das Wohnen nur als technisch-wirtschaftliche Aufgabe zu betrachten. Sie schlug zwei vorbereitende Schritte der Planung, Analyse und Auswertung „nach korrekt wissenschaftlicher Methode“ vor. (Phänomenologie in der Analyse, Existenzphilosophie in der Auswertung.)

Manifest zur Neuen Stadt

Aus ihrer Japanreise 1964 schöpfte sie die Erkenntnis, dass eine Synthese zwischen der alten Kultur und der Modernität möglich sei.9 Ihrem zweiten Entwurf der Neuen Stadt, den sie 1966 mit ihrer Tochter Merete Mattern und anderen jungen Architekten als Wettbewerbsbeitrag „Ratingen-West“ einreichte, lag dieser Gedanke zugrunde. Der Utopie einer „alpinen Stadt“, die in diesem imposanten Entwurf wiederkehrte, zollte die Jury mit einem Sonderankauf Anerkennung. 10 Sie behielten den Grünen Mittelraum, gefasst durch markante Bauten und grüne Wallanlage am äußeren Rand bei und konzipierten einen Stadtteil „mit einem stark verdichteten Zentrum und mit Wohnbergen, die sich in einem von ihnen ausgehenden Bezugsnetz zu Einfamilienhäusern herabterrassieren“.11Mit den Schlagworten „Gebaute Landschaft – Landschaft als Bauform“ sowie den 31 Arbeitsthesen im Erläuterungsbericht verfasste Hammerbacher ein Manifest ihrer visionären Stadtlandschaft.
Im Schlusswort zum Aufsatz „Hausgärten“ in „Berlin und seine Bauten“, das sie bereits 1968 verfasste, bedauerte sie, dass man nicht auf das Wagnis eingehe, „Experimentierstädte zu bauen, welche die Komplexität von Inhalt und Form realisieren“.
Die Jahre zwischen 1968 und 1972 markierten in der Geschichte der Berliner Universitäten einen ideologischen Wendepunkt. Die Fachbereiche der TU Berlin wurden umfassend neu geordnet. In dieser Umbruchssituation emeritierte Hammerbacher. Ihr Lehrstuhl konnte nicht neu besetzt werden. Der Schule Hammerbachers wurde ein jähes Ende gesetzt.


Quellen

1, 11 Herta Hammerbacher: Hausgärten in Architekten und Ingenieurverein zu Berlin (Hrsg.):Berlin und seine Bauten. Teil 4, Band C, Seiten 293–416, Berlin/München/Düsseldorf 1972
2Hammmerbacher 1954: Abschnitt Grün- und Freiflächen der Planungsrichtlinien, betr. Baugesetz § 6, Abs. 2c, 4, 5, 6, 7, 8, 9 (öffentliche und private Freiflächen) Begriffe 1, 2, 9, 10., unveröffentlichtes Manuskript.
3Gabi Dolff-Bonekämper: Das Hansaviertel Internationale Nachkriegsmoderne in Berlin. Verlag Bauwesen, Berlin 1999.
4Herta Hammerbacher: Landschaftsverbundener Städtebau. Garten und Landschaft 3/1957
5 Jeong-Hi Ri: Werkkatalog Hammerbacher, unveröffentlichtes Manuskript, Berlin 2002
6,9 Herta Hammerbacher:: Japanische Städte – heute und morgen. Garten und Landschaft 10/1964, Seiten 326–335
7Herta Hammerbacher: Über landschaftsbezogene Bauplanung. Garten und Landschaft 1/1967, Seiten 12-14
8Herta Hammerbacher: Über die Entwicklung des Wohnens mit Gärten. In: TU Berlin (Hrsg.): Das Grün im Städtebau, Die Wohnungsfernen Gärten. Seiten 33–56. Berlin 1963
10 Herta Hammerbacher, et.al.: Pläne, Skizzen, Modellfotos, Beschreibung (Herta Hammerbacher), Preisgerichtsurteil. Der Architekt 1/1967, Seiten 12–33

weitere Literatur
Hans Scharoun in Pfankuch (Hrsg.): Hans Scharoun. Bauten, Entwürfe, Texte. Schriftenreihe der Akademie der Künste Bd. 10, Berlin 1974

Nachlass Hammerbacher in der Plansammlung der Universitätsbibliothek, TU Berlin

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